Ursulinenschule Fritzlar

Flower Power in Nordhessen - Zwischen Schülerbewegung APO und RAF

 

 

So lautete der Titel des jüngsten Vortrags im Rahmen des Bettina-von-Arnim-Forums, der mit einer überraschenden Einsicht begann: Im beschaulichen Schwalm-Eder-Kreis lagen die Anfänge der späteren Studentenbewegung.

Auch aus Landeiern können Revoluzzer werden, wie es die Referenten Thomas Schattner und Johannes Gröteke von der THS in Homberg launig formulierten.

Und zu unserer Überraschung erfuhren wir, dass eines der Gründungsmitglieder der RAF, Astrid Proll, kurze Zeit sogar Schülerin des Internats der Ursulinenschule gewesen war.

Dennoch war dem früheren KHS-Schüler und heutigen Soziologen und „68er-Forscher“ Wolfgang Kraushaar zufolge im katholischen und durch die Bundeswehr konservativ geprägten Fritzlar in den 60er Jahren politisch nichts los. In Homberg dagegen habe es in den 60er Jahren die erste sogenannte „Gegenschule der BRD“ gegeben, die sexuelle Aufklärung und radikale Auseinandersetzung mit dem Establishment als Unterrichtsgegenstand gehabt und eine Schulzeitverkürzung auf zwei Monate gefordert habe.

Es folgten kurzweilig vorgetragene Einblicke in die nordhessische Schullandschaft der 60er Jahre. Dabei ging es nicht nur um zu lange Haare (bei Jungen!!), Schlaghosen und kurze bis zu kurze Röcke oder „Negermusik“, wie man damals abwertend zu den Beatles und den Stones sagte.

Viel beeindruckender waren die Berichte über einen Schulskandal,  weil Oberstufenschüler sich weigerten, die Nationalhymne zu singen.

Schülerzeitungen wurden damals verboten, weil sie sich kritisch mit der Nazi-Vergangenheit der Lehrer auseinandersetzten, oder die radikale kleinschreibung in ihrer zeitung einführten, was als  angriff auf ordnung und autorität für öffentliche diskussionen und proteste in der kleinstadt sorgte.

Ein Schulsprecher zeigte zum Entsetzen der Lehrer seiner Schule einen Film über die im Unterricht nicht thematisierten Verbrechen in Auschwitz und forderte damit zur Beschäftigung mit diesem Thema auf.

Nordhessen war also in Bewegung. Für die kritischen Studenten dieser Zeit waren Schulen als autoritäre Systeme, in denen sie frühzeitig ansetzen wollten, um die Situation zu verändern, aber auch um Nachwuchs für die eigene Bewegung im Kampf gegen Kapitalismus und das als ungerecht empfundene politische System zu gewinnen.  Die Schule sollte nicht weiter  Handlanger des als autoritär und faschistisch beschimpften Staates sein.

Ergänzt wurden die Ausführungen zu der Agitation der Studenten in den Schulen durch Informationen über den Einsatz der späteren RAF-Terroristen in den Heimen in Wabern und Rengshausen, in denen sie die Fürsorgezöglinge dazu  brachten, sich gegen veraltete Erziehungsmaßnahmen zu wehren.  

Es wurde für die Zuhörer deutlich, dass Nordhessen tatsächlich im Fokus der jungen wütenden Studenten der späten 60er Jahre lag.

Wie die Wut in Gewalt umschlagen konnte und der Wunsch zur Veränderung der Gesellschaft zu Attentaten und damit zur Aufgabe von eigenen Lebensperspektiven eigentlich hochbegabter junger Menschen führen konnte, das wurde in dem Vortrag den interessiert zuhörenden Schülern (und Lehrern) deutlich.

Schmerzlich die rückblickende  Erkenntnis der Ex-RAF-Terroristin Astrid Proll, dass die RAF die „Selbstanmaßung einer ganzen Generation“ gewesen sei.

Im Vordergrund der anschließenden Diskussion stand das Staunen darüber, wie sehr sich die damalige junge Generation von der heutigen unterscheidet, die von den jungen Zuhörern selbst nicht so engagiert beschrieben wurde. Da aber, wie die Referenten noch anfügten, die 68er-Bewegung die größte Wirkung bei der Veränderung von Schulen und Hochschulen entfaltet habe, sei heute die Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Lehrern und Schülern selbstverständlich. Hier müssen Schüler heute nicht mehr kämpfen, sie stehen vor anderen globalen Aufgaben.

Mit Applaus für den gelungenen und bereichernden Vortrag und Nachdenklichkeit über die eigene Situation endete die Veranstaltung.